Tabea Kemme: “Ich will in Kanada dabei sein”

Tabea Kemme ist ein Allround-Talent und stammt gebürtig aus Stade. Sie wurde ursprünglich zur Stürmerin ausgebildet, wird allerdings mittlerweile sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft in der Abwehr eingesetzt.

Die 23-Jährige läuft schon seit der Jugend für den Frauenfußball-Traditionsverein 1. FFC Turbine Potsdam auf. Sie fühlt sich dort so wohl, dass sie ihren Vertrag bei den Brandenburgern Anfang des Jahres bereits vorzeitig bis 2017 verlängert hat. Mit dem Klub gewann sie unter anderem viermal die deutsche Meisterschaft sowie die erste Auflage der UEFA Women’s Champions League im Jahr 2010.

Auf Nationalmannschaftsebene hat Kemme ab der U-17 alle Juniorinnenteams durchlaufen, ist 2008 U-17-Europameisterin und 2010 U-20-Weltmeisterin geworden. Derzeit absolviert sie mit der A-Nationalmannschaft den WM-Vorbereitungslehrgang in der Schweiz.

Im Interview mit Women’s Soccer United spricht das Multitalent unter anderem über die Situation des Frauenfussballs in Deutschland, ihre Ausbildung zur Polizeikommissarin, ihre Ambitionen mit der Nationalmannschaft sowie die bevorstehende WM.

Women’s Soccer United: Ich habe Sie kürzlich mit Turbine im DFB-Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg spielen sehen, in dem Sie sich leider geschlagen geben mussten, obwohl Ihr Team sehr viel investiert hat. Sie selbst haben ein gutes Spiel abgeliefert, um jeden Ball gekämpft und sind mit einem Freistoß aus großer Distanz nur knapp an Wolfsburgs Torhüterin Almuth Schult gescheitert. Dennoch war Wolfsburg am Ende deutlich überlegen. Worauf führen Sie das zurück?

Tabea Kemme: Es war ein Spiel, in dem wir unsere Stärken nicht zeigen konnten. Über Kampf und Einsatzwille können wir viel bezwecken, aber der Spielqualität von Wolfsburg waren wir an dem Tag des Pokalfinals unterlegen. Dazu kommen noch individuelle Fehler bei den Gegentoren und auch unsere negative Chancenausbeutung. In der Bundesliga haben wir zeigen können, dass wir Wolfsburg schlagen können. Es tat umso mehr weh, dass wir diese Leistung in so einem Finalspiel nicht erneut abrufen konnten.

WSU: Gut 19.000 Zuschauer haben den Weg ins Stadion gefunden, was sicherlich positiv zu bewerten ist. Das RheinEnergieStadion fasst allerdings knapp 50.000. Köln wurde für weitere drei Jahre als Austragungsort des Pokalfinales festgelegt. Wie fanden Sie die Atmosphäre in Köln und wäre Ihnen ein kleineres Stadion lieber?

Tabea: Ich empfand die Stimmung als großartig. Die Gegebenheiten waren erstklassig in Köln. Daher kann ich und will ich auch überhaupt nicht an dem Austragungsort zweifeln. Ich empfinde es eher als Geschenk, dass das Frauenfinale in dem Kölner Stadion mit 19.000 Zuschauern stattgefunden hat und zukünftig auch wieder dort stattfinden wird.

WSU: Eine allgemeine Frage zum Frauenfußball in Deutschland:
Generell ist die Situation der Sportart in Deutschland sicherlich wesentlich besser als in vielen anderen Ländern. Dennoch wurde kürzlich bekannt, dass der VfL Bochum seine Frauenmannschaft aus finanziellen Gründen aus der 2. Bundesliga zurückziehen wird. Es fehlt angeblich ein Betrag von 100.000 Euro – der im Männerfußball vermutlich problemlos aufzutreiben wäre. Wie sehen Sie die Situation des Frauenfußballs insgesamt und was könnte man Ihrer Meinung nach tun, um sie weiter zu verbessern?

Tabea: Es ist kein Geheimnis, dass Männerfußball als attraktiver empfunden wird als der Frauenfußball. Daher wird dann auch als erstes bei den Frauen finanziell eingespart. Dies ist sehr traurig und zeigt auch, dass die Entwicklung des Frauenfußballs in einigen Städten stockt. Wenn man über die Jahre zurückblickt, kann man aber auch stolz sein. Alleine die Tatsache, dass es zur Zeit immer mehr Spielerinnen gibt, die derzeit von dem alleinigen Gehalt des Vereins leben können, zeigt, dass viele Gelder für den Frauenfußball investiert werden.

WSU: Seit 2012 absolvieren Sie neben dem Fussball im Verein und in der Nationalmannschaft noch ein anspruchsvolles Studium zur Polizeikommissarin. Wie weit sind Sie mittlerweile gekommen und wie gelingt es Ihnen, beides zu vereinbaren?

Tabea: Mittlerweile bin ich für fünf Monate im Praktikum im Wach- und Wechseldienst. Tagsüber arbeite ich 8 Stunden als Streifenpolizisten und anschließend geht es zum Training. Wenn der Spielplan es erlaubt, mache ich auch mal zwölf Stunden Nachtschichten. Dies ist jedoch eher selten der Fall. Manchmal bin ich selber überrascht, wie ich das zeitlich alles schaffe. Gestern noch eine Straftat ermittelt und heute gebe ich Vollgas in der Schweiz, in der Hoffnung, dass ich für den Endkader für die Weltmeisterschaft in Kanada nominiert werde. 2017 werde ich mit dem Studium fertig sein, bis dahin werden die Tage weiterhin so strukturiert sein.

WSU: Auf Vereinsebene konnten Sie dieses Jahr leider keinen Titel gewinnen, aber mit der Nationalmannschaft haben Sie noch die Chance auf den ganz großen Coup. Sie waren ursprünglich nicht für den Algarve Cup nominiert, sind dann aber aufgrund von verletzungsbedingten Ausfällen doch noch nachnominiert worden. Hat die Bundestrainerin Ihnen damals eigentlich Gründe für die Nichtnominierung genannt?

Tabea: Gründe wurden mir persönlich nicht genannt. Ich habe es als Ansporn gesehen, dass ich mich in allen Belangen verbessern muss. Habe an mir gearbeitet und wurde dann für das Länderspiel gegen Brasilien nominiert, wo ich einen 90-minütigen Einsatz bekam.

WSU: Beim Algarve Cup konnte Deutschland zwar den Titel aufgrund der Auftaktniederlage gegen Schweden nicht verteidigen, hat aber in der Folge ein gutes Turnier gespielt und die Schwedinnen am Ende im Spiel um Platz drei besiegt. Außerdem konnte die Bundestrainerin einiges ausprobieren. Wie ist das Turnier für Sie persönlich gelaufen? Waren Sie zufrieden mit Ihrer Leistung und dem Abschneiden der Mannschaft?

Tabea: Das erste Spiel war für uns ein derber Schlag. Wir haben viel Kritik gefangen. Im Laufe des Lehrgangs haben wir uns von Spiel zu Spiel gesteigert. Vielleicht war die Niederlage gegen Schweden ein Dämpfer zur richtigen Zeit. Wir haben viel aus dem Spiel mitgenommen, Dinge die wir deutlich besser machen müssen und Fehler, die wir uns auf diesem Niveau nicht erlauben dürfen.

Ich persönlich habe, dafür dass ich nachnominiert wurde, viele Einsatzminuten sammeln können. Im letzten Spiel habe ich sogar von Anfang an spielen dürfen. Ich wusste nicht genau wo ich stehe, habe mich zurückkämpfen müssen.

WSU: Sie waren im Testspiel gegen Brasilien über die gesamte Spielzeit im Einsatz und haben den Sprung in den vorläufigen WM-Kader geschafft. Am 27. Mai steht nun das letzte Testspiel gegen die Schweiz an, und zwar auf Kunstrasen, um möglichst realistische Bedingungen zu schaffen. Worauf wird es im Spiel gegen die Schweizerinnen ankommen und welche Unterschiede sehen Sie zwischen Kunst- und Naturrasen?

Tabea: Im Spiel gegen die Schweizerinnen wird es darauf ankommen, wer der anderen Mannschaft sein Spiel aufzwingen kann. Es ist der letzte Test bevor es nach Kanada geht. Jede der Mannschaften will irgendwie wissen, wo sie steht. Die Schweiz hat eine gute Offensive, wir wissen um ihre Spielerinnen und ihre Qualitäten.

Wir wissen was jede einzelne Spielerin für eine Leistung abrufen kann. Wir müssen die Schweiz mit unserem Spiel gegen den Ball gut unter Druck setzen, dann haben wir die Möglichkeit deren Spiel etwas entgegenzusetzen.

Es ist eine stetige Diskussion bezüglich des Kunstrasens. Natürlich spielt so gut wie jede Spielerin lieber auf Naturasen. Ich bevorzuge es definitiv auch, denn leidenschaftlich Fußballspielen tut man auf einem Rasenplatz.

WSU: Bei der WM in Kanada trifft die deutsche Mannschaft in der Gruppenphase auf die Elfenbeinküste, Norwegen und Thailand. Haben Sie sich schon mit diesen Gegnern beschäftigt und was erwarten Sie insbesondere von der Elfenbeinküste und Thailand?

Tabea: Gegen Norwegen haben wir schon mehrere Spiele gehabt, die Spielphilosophie von denen kennen wir. Bezüglich der Elfenbeinküste und Thailand, da werden wir von unserem gesamten Trainerteam und den Videoanalysten bestens vorbereitet.

WSU: Sollten Sie auch im endgültigen Kader stehen, dann wird die WM Ihr erstes großes Turnier mit der A-Nationalmannschaft. Welche persönlichen Ziele haben Sie sich für die WM und darüber hinaus gesteckt?

Tabea: Mein Ziel ist ganz klar, ich will in Kanada Teil des Teams sein! Darüber hinaus liebäugelt man natürlich damit, was wäre wenn. Klar ist, dass es absolut kein Selbstläufer wird. Die Gruppenphase als erster zu bestehen, ist ein Ziel. Ab da gehen die K.o.-Spiele los. Die Olympiaqualifikation ist eine klare Zielsetzung [Anm. d. Red.: Die drei bestplatzierten europäischen WM-Teilnehmer qualifizieren sich für Olympia].Bei so einem Highlight will man das Maximum erreichen. Dies wäre der WM Titel, bis dahin ist es aber ein langer schwieriger Weg.

1 Comment
  1. Asa 4 years ago

    Danke Susanne, eine andere große Interview

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